Leseausschnitt aus "Katzenweihnacht":
Als aber die kalte Zeit kam, da weiße Punkte vom Himmel fielen, sodass mein schönes schwarzes Fell weiß getupft aussah, konnte ich wie jedes Jahr beobachten, dass die Frau in der Küche stand und kleine Stücke aus Teig zubereitete. Im ganzen Haus duftete es eigenartig und so beschloss ich, in einem unbeobachteten Moment so ein Stück zu kosten. Ich spuckte es gleich wieder aus, so grauslich war das.
Ich war entsetzt! Meine arme Familie, da sollte ein Fest gefeiert werden, das ihnen offenbar viel bedeutete, denn sie stellten immer einen Nadelbaum ins Wohnzimmer und behängten ihn mit allerhand Kugeln und Zeugs, zündeten Kerzen an, sangen, dass es nicht zum Anhören war und dann sollten sie so schlechtes Futter bekommen?
Ich dachte nach.
Dann beriet ich mich mit meiner Mutter, welche die beste Jägerin weit und breit ist. Im Garten, beim Vogelfutterhäuschen hatte ich einige Mäuselöcher gesehen. Im Winter Mäuse zu fangen, war mir zuwider, denn da müsste ich stundenlang völlig ruhig im kalten Schnee sitzen und warten, bis eine dämliche Maus herauskommt. Da hatte ich es im Wohnzimmer bequemer.
Aber für unsere Familie war uns, nämlich meiner Mutter Mieze und mir, keine Anstrengung zu groß. Als ich bemerkte, dass am nächsten Tag dieses besondere Fest stattfinden würde, legten Mieze und ich uns in der Nacht auf die Lauer. Im Morgengrauen fingen Mieze drei und ich eine Maus. Das musste reichen, wir waren nämlich schon ziemlich durchfroren. Wir legten die Beute vor die Terrassentür. Das Wasser rann mir aus dem Maul, als ich die Mäuse betrachtete. Ich war nahe daran, meine Maus zu fressen, so hungrig war ich. Aber meine Mutter, die mir ansah was ich dachte, wies mich mit einem deftigen Pfotenhieb zurecht.
Endlich durften wir in die Küche, bekamen unser Frühstück und wärmten uns auf. Später wurde der Tannenbaum aufgestellt und die Frau begann ihn zu schmücken. Ich probierte, mit der Pfote die lustigen Kugeln zu fangen, wurde aber weggescheucht. Die Frau legte große und kleine Schachteln unter den Baum, was wieder die Aufmerksamkeit meiner Mutter erregte, denn sie liebte Schachteln über alles. Sofort pirschte sie sich heran und fing an, das Papier von einer großen Schachtel zu reißen. Auch sie wurde verscheucht. Wir waren aber ausnahmsweise nachsichtig mit diesem schlechten Benehmen, denn heute würden sie sehen, was sie an uns hatten.
Schließlich wurden Kerzen angezündet und sie sangen, was ich mit Geduld ertrug. Sie umarmten sich und fingen an, das Papier von den Schachteln zu reißen. Warum sie es vorher meiner Mutter verboten hatten, verstand ich wirklich nicht. Auch wäre es feierlicher gewesen, wenn sie Mieze hätten singen lassen. Sie konnte das fast so gut wie Mäuse jagen.
Bald darauf stellte die Frau Futternäpfe auf den Tisch und beschäftigte sich in der Küche.
Da kam unser großer Moment.
Mieze und ich setzten uns vor die Terrassentür, starrten die Schnalle an und miauten laut und deutlich. Das machten wir immer, wenn wir hinaus wollten.
Der Mann seufzte, stand auf, ging zur Tür, öffnete sie und wollte uns hinauslassen. Wir blieben sitzen und starrten auffällig auf die vier Mäuse. Da machte der Mann ein überraschtes Gesicht und rief die anderen. Die Jungen und die Frau rannten herbei, sogar die Oma kam mit ihrem Stecken. Alle fünf Menschen standen nun bei der Tür und lachten und freuten sich, als sie die Mäuse sahen. Sogleich wurden wir in die Höhe gehoben, geherzt, gestreichelt und gelobt. Die Überraschung war uns voll gelungen.
Endlich hatte meine Familie etwas Vernünftiges zum Essen.
Mieze durfte in alle Schachteln klettern, Papier zerfetzen und mit den Bändern spielen. Ich beschäftigte mich mit dem Baum und fand so allerhand zum Spielen, ohne getadelt zu werden. Da waren Glasvögel mit Federn, die ich ihnen ausrupfte, kleine Figuren mit Wattebärten, die ich wie Stoffmäuse fangen konnte und schließlich die Glaskugeln, die so lustig klirrten und zersprangen, wenn ich sie mit der Pfote auf sie schlug.
Leider vergaßen wir beim Spielen zu beobachten, ob unseren Menschen die Mäuse auch geschmeckt haben.